28.03.2026

Rente neu denken: Kapitalstock statt Generationenvertrag

Ausgangslage und Handlungsbedarf

 Der demografische Wandel gefährdet die langfristige Finanzierbarkeit der gesetzlichen
 Rente. Das Verhältnis von Beitragszahlenden zu Rentenempfangenden verschlechtert sich
 strukturell. Ohne grundlegende Reform drohen entweder dauerhaft steigende Beiträge,
 sinkende Rentenniveaus oder wachsende Staatszuschüsse auf Kosten künftiger
 Generationen. Wir Junge Liberale Schleswig-Holstein fordern deshalb eine ehrliche,
 generationengerechte Antwort und keine Verschiebung des Problems.

 Teil I – Staatliche Aktienrente

 1. Leitgedanke

 Wir fordern ein regelgebundenes Zusammenspiel aus Umlagesystem und Kapitaldeckung.
 Das Umlagesystem halten wir in der Aufbauphase als Basis- und Versicherungssystem
 aufrecht und fordern dessen schrittweise Zurückführung mit wachsendem Kapitalstock,
 bis die kapitalgedeckte Säule die primäre Finanzierungsfunktion vollständig
 übernimmt.

 2. Finanzierung: Konsumbasierte Kapitalbildung

 Wir fordern zur Finanzierung der kapitalgedeckten Säule einen einheitlichen
 Mehrwertsteuersatz von 10 %. Davon müssen 2–3 Prozentpunkte grundgesetzlich
 zweckgebunden sein und automatisch in eine staatliche Aktienrente fließen. Diese
 Finanzierungsform entlastet den Faktor Arbeit und verbreitert die Beitragsbasis auf
 alle. Die Vereinheitlichung des Mehrwertsteuersatzes auf 10 % senkt gegenüber dem
 Status quo die Steuerbelastung auf den Großteil des privaten Konsums und entlastet
 damit insbesondere den Niedriglohnsektor; ergänzt durch die langfristig sinkenden
 Rentenbeiträge eine strukturelle Doppelentlastung für Geringverdiener.

 3. Staatliche Aktienrente

 Wir fordern den Aufbau eines großen, passiv verwalteten, EU-weit diversifizierten
 staatlichen Kapitalstocks mit laufenden Kosten von maximal 0,3 % p. a. Politische
 Einzelsteuerung muss ausgeschlossen sein. Wir fordern, dass dieser Kapitalstock
 Verfassungsrang erhält: Er muss grundsätzlich unantastbar sein, seine Renditen und
 Dividenden dürfen ausschließlich für Rentenzwecke verwendet werden.
 Haushaltsfinanzierung und jede Form von Zweckentfremdung müssen verfassungsrechtlich
 verboten sein.

 4. Übergangsregelung

 Wir fordern eine zeitlich strikt auf maximal 20 Jahre begrenzte Übergangsregelung,
 die automatisch endet. In den Jahren 1–10 muss die vollständige Dividendenpriorität
 zur Stabilisierung der laufenden Renten gelten. Zusätzliche Kapitalentnahmen dürfen 1
 % p. a. nicht überschreiten; lediglich bei nachweislich hoher Realrendite ist eine
 Entnahme von bis zu 2 % p.a. zulässig.

 In den Jahren 11–15 fordern wir den vollständigen Verzicht auf Kapitalentnahmen. Nur
 dieDividendenbrücke bleibt bestehen, damit der Kapitalstock vollständig wachsen kann.

 Im Regelbetrieb ab Jahr 16 darf die Gesamtentnahme aus dem staatlichen Fonds –
 Dividenden und Kapitalentnahmen zusammen 4 % des Kapitalstocks p. a. nicht
 überschreiten. Dividendenfließen dabei vollständig und vorrangig in die
 Rentenfinanzierung, bevor Kapitalentnahmen zulässig sind.

 5. Langfristige Entwicklung

 Wir fordern, dass mit wachsendem Kapitalstock die Rentenbeiträge schrittweise gesenkt
 werden und die Renten dauerhaft stabilisiert werden. Mit wachsendem Kapitalstock
 fließen Dividenden und Renditen des staatlichen Kapitalstocks unmittelbar in die
 Rentenfinanzierung und ersetzen schrittweise die umlagefinanzierten Beiträge – die
 kapitalgedeckte Säule übernimmt damit langfristig die primäre Finanzierungsfunktion
 des Rentensystems. Die bestehende Grundsicherung im Alter bleibt als Auffangnetz für
 Personen erhalten, die kein ausreichendes Versorgungsniveau erreichen; ihre
 fiskalische Bedeutung nimmt mit wachsendem Kapitalstock und steigender
 Depotdurchdringung strukturell ab.

 Teil II – Persönliche Altersvorsorgedepots

 Das persönliche Altersvorsorgedepot ergänzt die staatliche Aktienrente um eine
 individuelle Dimension: Es ermöglicht jeder Person den eigenständigen Aufbau einer
 kapitalgedeckten Altersvorsorge und wirkt damit strukturell der Altersarmut entgegen.

 1. Persönliche Altersvorsorgedepots

 Wir fordern, dass jede Person ab Geburt automatisch ein persönliches
 Altersvorsorgedepot erhält. Bereits lebende Personen müssen ein bestehendes Depot
 ihrer Wahl kennzeichnen können. Ein Opt-out muss jederzeit möglich sein. Das Depot
 muss direkt personenbezogen, weder beleihbar noch verpfändbar sein und darf nicht
 zweckentfremdet werden. Der Gesamtkostendeckel muss bei maximal 0,3 % p. a. liegen;
 Provisionen und Kickbacks sind zu verbieten. Die anfallenden Kosten müssen steuerlich
 absetzbar sein.

 2. Die Ein-Klick-Option

 Wir fordern eine niedrigschwellige Ein-Klick-Option für alle Menschen, die sich nicht
 mit Geldanlage beschäftigen wollen oder können. Ein einziger Klick muss genügen, um
 den eigenen Beitrag direkt in die staatliche Aktienrente zu investieren –
 vergleichbar mit dem Kauf eines ETFs. Es müssen dieselben Kosten-, Risiko- und
 Zweckregeln gelten wie für alle anderen Depots. Ein Wechsel zur individuellen
 Portfolio-Gestaltung muss jederzeit möglich sein. Wir sind überzeugt, dass diese
 Option maximale gesellschaftliche Teilhabe ohne Überforderung gewährleistet, die
 Kapitalzuflüsse stabilisiert und durch Skaleneffekte sowie die Vermeidung
 individueller Verhaltensfehler die langfristige Nettorendite der Aktienrente
 steigert.

 3. Steuerliche Regeln

 Wir fordern, dass Handel und Umschichtungen innerhalb der Altersvorsorgedepots
 steuerfrei sind und der Solidaritätszuschlag entfällt. Reguläre Auszahlungen müssen
 zum Renteneintritt erfolgen. Vorzeitige Auszahlungen müssen der normalen Besteuerung
 zuzüglich einer Zusatzsteuer von 5–10 % unterliegen, um Fehlanreize zu vermeiden.

 4. Soziale Öffnung

 Wir fordern ein Startkapital von 10.000 € für Kinder aus Haushalten unterhalb des 1.
 Drittels des Mediangehalts, das ausschließlich im Altersvorsorgedepot angelegt und
 erst zur Rente ausgezahlt werden darf. Die Finanzierung soll aus bestehenden
 Haushaltsmitteln durch Umpriorisierung erfolgen.Das persönliche Altersvorsorgedepot
 wird im Erbfall nicht aufgelöst, sondern systemkonform weitergeleitet. Verstirbt eine
 Person, geht das im Depot angesammelte Kapital auf den Erbempfänger über. Sofern
 mindestens 50 % des geerbten Depotvermögens verpflichtend in das persönliche
 Altersvorsorgedepot des Empfängers eingebracht werden, bleibt der Erbfall bis zu
 einem Wert von 500.000 € steuerfrei. Das Depot-Kapital bleibt dabei seiner
 Zweckbindung treu und wird auf die nächste Generation übertragen, statt durch
 Besteuerung oder freie Verfügung abzufließen. Dies sichert den langfristigen
 Kapitalaufbau und stärkt die generationenübergreifende Wirkung des Gesamtsystems.

 5. Aufsicht und Finanzbildung

 Wir fordern, dass die Aufsicht über das Gesamtsystem bei der BaFin verbleibt. Die
 Schaffung einer neuen Behörde lehnen wir ab. Finanzbildung soll durch private,
 zertifizierte Anbieter sichergestellt werden, deren Kosten steuerlich absetzbar sind.
 Niedrigschwellige frühkindliche Bildung soll durch Schulbesuche gefördert werden.

 6. Kernanforderungen an das Gesamtsystem

 Wir fordern ein System ohne Renditegarantien, ohne neue Schulden und ohne dauerhafte
 Übergangslösungen. Es muss breite gesellschaftliche Teilhabe ohne Zwang ermöglichen,
 bei extrem niedrigen Kosten verfassungsrechtlich abgesichert und politisch schwer
 rückabwickelbar sein.

 7. Flexibles Renteneintrittsalter

 Wir fordern, dass der Renteneintritt an den individuellen Kapitalstand des
 persönlichen Altersvorsorgedepots gekoppelt wird. Wer durch eigene Einzahlungen und
 Kapitalerträge ein ausreichendes Versorgungsniveau nachweisen kann, muss die
 Möglichkeit haben, früher in Rente zu gehen. Ein verpflichtend festgelegtes starres
 Renteneintrittsalter lehnen wir ab. Diese Flexibilisierung schafft positive Anreize
 zur eigenverantwortlichen Vorsorge und entkoppelt den Renteneintritt schrittweise vom
 demografischen Druck auf das Umlagesystem.

Weitere Beschlüsse

28.03.2026

Zu viel Staat. Zu wenig Zukunft. – Zehn Punkte für Schleswig-Holstein

Deutschland und Schleswig-Holstein leiden unter großen Problemen und stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Doch diese Probleme sind weder Zufall noch Naturgewalt. Sie sind...
19.10.2025

Attraktivität der Pflege steigern – Perspektiven zwischen Pflege und Medizin öffnen

Die Pflege in Deutschland steht seit Jahren unter massivem Druck. Fachkräftemangel, hohe Arbeitsbelastung und geringe finanzielle Anreize führen dazu, dass immer...
19.10.2025

Die Zeit der Taxen ist vorbei

Die Taxi-Privilegierung ist ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Während unsere Städte digitaler, flexibler und moderner werden, hält der Staat am...